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Stell dir vor es ist Krieg…

Stell dir vor es ist Krieg…

…und keiner geht hin. So kennt man den Spruch eigentlich. Aber was, wenn es plötzlich heißt : „Stell dir vor es ist Krieg, und du bist mittendrin!“? Was, wenn der Krieg zu dir kommt? Wenn das Haus deiner Nachbarn oder dein eigenes nur noch Schutt und Asche sind, du Freunde oder Angehörige auf brutale Art und Weise verloren hast, selber verwundet wurdest, kein sauberes Wasser zur Verfügung hast und Nahrung rar ist? Dann bleibt nur noch die Flucht. Und auch nicht jeder hat die Möglichkeit dazu. Während des Flüchtens verbringst du die Zeit auf engstem Raum mit Menschen, denen es genauso schlecht geht wie dir, oder noch schlechter. Eventuell musst du dafür kämpfen einen Platz auf einem Schiff zu ergattern und siehst währenddessen wie andere von Bord fallen.
Nach der langen Reise kommst du dann endlich an. In ein Land das dir fremd ist. Du hast keine Papiere, keine Sprachkenntnisse, kein Dach über dem Kopf, kein NIX und bist nebenbei noch traumatisiert.

Mit diesem Text möchte ich diesen Blog Eintrag zum Thema Flüchtlingshilfe beginnen, was mir spätestens nach der hundertsten Meldung „Asylantenheim abgebrannt“ ein großes Anliegen geworden ist. Manch einer wird jetzt vielleicht sagen, dass ich dabei ganz schön auf die Tränendrüse drücke, und mag eventuell sogar Recht haben aber: leider ist das tatsächlich Realität. Viele von uns (mich eingeschlossen) können sich vermutlich gar nicht vorstellen, was Menschen auf der Flucht schon alles mitgemacht haben, wenn sie hier ankommen. Wir sitzen gemütlich im Garten, genießen die Sonne und essen unsere Osterschokoladenreste auf (ja, das tue ich gerade).

Wasserrad in Homs/Syrien 2008

Wasserrad in Homs/Syrien 2008

Vor einer Woche gab ich in Freund Google (oder Ecosia, die Suchmaschine mit der man Bäume pflanzt haha) die Begriffe „Flüchtlingshilfe Bingen“ ein und hoffte auf etwas zu stoßen, bei dem ich mitwirken könnte. Dass sich erst eine Woche zuvor der erste „runde Tisch“ zum Thema Flüchtlingshilfe in und um Bingen zusammengefunden hatte, war reiner Zufall und mein Glück. Der Gedanke hinter dem Projekt, so las ich, war Flüchtlingshilfe systematisch anzugehen und bereits bestehende Strukturen zu vernetzen. Über Facebook kontaktierte ich also den Ehrenamtsbeauftragten der Stadt Bingen und bekam Zeit und Ort für das nächste Treffen, sowie das Protokoll vom letzten per Mail zugeschickt. Es lief also.

Gestern dann das Gebäude in dem das Treffen stattfinden sollte seit vielen Jahren das erste Mal wieder. Vor Jahren errichtete die KJG (Katholische junge Gemeinde) im Zuge einer 72 Stunden Aktion ein Hochbeet im Garten des dortigen Altersheims. Zwar war ich kein Mitglied der KJG, aber im Garten eines Altersheims (in dem ich zu der Zeit noch eine alte Dame kannte)mit Zement und Natursteinen etwas zu errichten und zu bepflanzen fand ich gut, also machte ich damals einfach mit.
Vor mir lief eine Dame ähnlich langsam wie ich umher, was darauf hinwies, dass sie genauso wenig wusste, wo wir hin mussten. Dann allerdings erschall aus einem Raum mit geöffneter Tür ein Lautes HALLO und wies uns den weg. Es war der Leiter der Einrichtung, der sich noch gut an mich erinnern konnte (was mich sehr beeindruckte) und sich offensichtlich über jeden freute.
Kaum betrat ich den großen Raum, schüttelten mir diverse Leute die Hand, darunter als erster der Oberbürgermeister Thomas Feser. So schnell geht das. Ich setzte mich an die lange Tafel, mit Blick auf den Rhein, und schaute mich um. Überall bekannte Gesichter. Der eine war ein ehemaliger Lehrer meiner Schule, der andere war Pfarrer bei mir um die Ecke, die nächste kannte ich vom Yoga usw. Es trudelten mit der Zeit immer mehr ein, ca. 25 Leute. Auch meine Schulfreundin Menna durfte in der Runde nicht fehlen. Die Frau, die mit mir auf Raumsuche gegangen war, setzte sich neben mich und ich erfuhr, dass sie mit ein paar weiteren 25 Flüchtlinge betreut. Sie erzählte mir von den Alltagsproblemen, an die man normalerweise gar nicht denken würde. Beispielsweise von der Mülltrennung. Was sich im ersten Moment spießbürgerlich anhören mag, habe aber unschöne Konsequenzen erklärte sie. So würden aufgrund der Unkenntnis über die Mülltrennung Berge von Müll vor Wohnungen gelagert, was den Unmut der Nachbarn schüren und Vorurteile bezüglich der Hygiene aufbauen würde. Weiter erzählte sie von den schwierigkeiten mit Ämtern und Institutionen wie Jobcentern, was mich nicht wirklich wunderte. Als sie aber davon berichtete, wie schwangere Frauen aufgrund von fehlenden Papieren von Krankenhäusern abgewiesen wurden war ich wirklich geschockt. Da ich zufälligerweise heute sowieso meine Frauenärztin aufsuchte, fragte ich sie gleich nach Möglichkeiten schwangere Flüchtlinge zu behandeln und auch sie zeigte sich sehr entsetzt. Sie konnte es gar nicht glauben und redete davon, diese Institutionen angezeigt gehörten. Bei ihr seien derzeit Schwangere mit Flüchtlingsstatus in Behandlung erzählte sie und gab mir noch eine weitere Adresse an die man sich wenden könnte.

Als dann also der Oberbürgermeister das Wort ergriff, ging es los. Ein bunt gemischter Haufen Menschen diskutierte und verhandelte. Im Folgenden habe ich eine Liste von zentralen Fragen erstellt. Am Ende des Artikels sind noch einige Informationen zusammen gefasst und weiterführende Links hinzugefügt.

  • Was brauchen die Flüchtlinge nach der Ankunft?
  • Was brauchen sie danach?
  • Wie funktioniert Integration?
  • Wie kann man „Flüchtlinge“ nicht als homogene Masse behandeln?
  • Wie wird man kulturellen Verschiedenheiten gerecht?
  • Was für religiöse Angebote gibt es in der Stadt?
  • Welche Nationalitäten/Sprachen gibt es in der Stadt, die helfen könnten?
  • Wie erreicht man diese und wollen sie erreicht werden?
  • Wer ist Ansprechpartner für was, wer verantwortlich?
  • Was ist mit Datenschutz?
  • Wie finden Flüchtlinge und Bürger zusammen ohne Sprachkenntnisse?
  • Wo erwerben Flüchtlinge Sprachkenntnisse und wie erfahren sie davon?
  • Wer informiert sie wie über alltägliches Leben?
  • Wie können die Traumata behandelt werden?
  • Wie können die Flüchtlinge ihre Interessen und Hobbies verfolgen?
  • Wie können sie sich in der Stadt zurechtfinden?
  • Wie funktioniert die Eingliederung in Kindergärten und Schulen?
  • Wo kommen weitere Flüchtlinge unter?
  • Woher kommt das Geld? (tja, das fragt man sich wohl immer)
  • Wer akquiriert?
  • Wie und wo kann ich als Bürger das was ich kann anbieten? Und wird das gebraucht?

Infos allgemein:

  • 2014 kamen 70 Flüchtlinge nach Bingen, 2015 werden ca. 150 weitere aufgenommen
  • die in der Bundesrepublik Deutschland ankommenden Flüchtlinge werden nach einem fixen Schlüssel nach der Einwohnerzahl auf die Städten und Gemeinden verteilt
  • Asylanten bekommen 360€ im Monat plus Miet-und Nebenkosten
  • es besteht (theoretisch?) Krankenversicherungsschutz. Krankenscheine und Fachüberweisungen werden ausgeteilt (was ist dann mit der Krankenhausproblematik??)
  • in 5 Monaten wird Wohnraum für Flüchtlinge in Bingen knapp, jeder, der eine leere Wohnung lieber leer stehen lassen will, anstatt sie zur Verfügung zur stellen (gibt ja auch Geld dafür), ist ein Idiot.
  • In der Thematik Flüchtlingshilfe wird in hoheitliche Aufgaben , institutionelle Aufgaben und ehrenamtliche Aufgaben unterschieden

wichtigste Infos und Links

Die nächsten Treffen des „runden Tisches“ wurden auf den 28.04 und den 12.05. gelegt. Wo? Stift St. Martin (Altenheim). Rein und rechts die Treppe runter.

eure Sinje

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