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Ein hasslicher Kommentar
Quelle: http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-13449.html (07.04.2016) - bearbeitet

Ein hasslicher Kommentar

Eigentlich wollte ich nach monatelanger Sinjesaysabstinenz meinen nächsten Eintrag über etwas Schönes schreiben. Ich dachte an Lupinen (Pflanzen) oder irgendetwas Frühlingshaftes. Jetzt aber wurde mir die Entscheidung abgenommen. Den kommenden Kommentar möchte ich über den Brand in der Flüchtlingsunterkunft in Bingen verfassen.

Gestern ereilte mich per Threema (so etwas wie Whatsapp) eine bestürzte Nachricht darüber, dass in Bingen-Sponsheim der Gasthof Eidt in Brand stand, Menschen ins Krankenhaus und die restlichen Bewohner in eine andere Unterkunft gebracht werden mussten.

Ich konnte es echt nicht glauben.

Abends kam es dann in den Nachrichten, und die Art der Berichterstattung löste in mir ein mir fast unbekanntes Gefühl aus. Ich glaube man nennt es Hass. Einen Hass auf Alles was sich die letzten Monate, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte ereignet, einen Hass auf feige Arschlöcher, die meinen, mit einem Brandanschlag besonders einfallsreich gegen das System zu rebellieren, Hass darüber, dass die Meldung fast am Ende der Nachrichten kam und die Brandstifter nicht als Terroristen betitelt wurden, Hass darüber, dass viele Länder im Bürgerkrieg sind und ihnen Niemand Beachtung schenkt, Hass auf die Engstirnigkeit so vieler deutscher Bürger, die nicht darüber nachdenken, dass das eigene luxuriöse Leben auf den Schultern Anderer ausgetragen wird und Hass darüber, dass die Schuld über den eigenen Missstand auf Menschen geschoben wird, die vom Krieg gebeutelt bei uns Schutz und ein sicheres Leben suchen… und so weiter und so fort.

Heute dann erschien in der AZ ein Artikel zur Reaktion der Stadt Bingen auf den Anschlag. Starke Betonung lag auf dem eventuellen rechtsradikalen Hintergrund, wegen frischen Hakenkreuzschmierereien. „Das Haus liegt so nah zur Bundesstraße und zum Autobahnkreuz – das können auch irgendwelche Rechtsradikale gewesen sein“.

Ernsthaft? Wacht mal auf! Ich sehe ich die Täter nicht als „die Anderen“, sondern mitten unter uns. Sie haben Familie, sind in Vereinen oder Politik aktiv, haben Freunde und Bekannte – und sie sind Terroristen. Die Frage ist nicht, ob die Attentäter Zuhause täglich die Reichsflagge hissen und „Mein Kampf“ als Abendlektüre lesen , sondern wie es sein kann, dass faschistisches Gedankengut auf so viel Akzeptanz stößt. Zudem: Wie viele Jugendliche schmieren Hakenkreuze irgendwohin, nur weil der Reiz des Verbotenen mitspielt.

Auf dem Winzerfest letztes Jahr habe ich hinter mir einen Bekannten gehört, der sich darüber aufgeregt hat, dass „diese ganzen jungen Flüchtlinge so teure Smartphones besitzen“ – der Klassiker. Wenn ich nicht pazifistisch veranlagt wäre…bei solchen Aussagen….
Und das ist nicht die Ausnahme. Bingen, und ganz Deutschland ist voll mit Menschen die so denken. Und manchen kann man das nicht mal vorwerfen, weil sie intellektuell nicht in der Lage sind zu differenzieren und politische und ökonomische Zusammenhänge zu verstehen (mich eingeschlossen, ich verstehe auch gar nichts), aber genau da muss angesetzt werden. Nicht bei irgendwelchen feigen Rechtsradikalen, die man an zwei Händen abzählen kann.

Weiter wird im Artikel eine Frau zitiert, die von misslungener Integration spricht, weil sie in Sponsheim wohnt, und nichts von dem Flüchtlingsheim wusste. Auch dazu fällt mir nichts mehr ein. Jeder, der sich aktiv für Flüchtlinge im Raum Bingen engagieren will, kennt die Unterkunft irgendwann. Dass kein Wegweiser dorthin aufgestellt wurde, oder man mit Google nicht direkt fündig wurde, hat auch bestimmte Gründe. Zum einen ist es ja leider notwendig Unterkünfte irgendwie zu schützen (auch wenn es nicht klappt), und zum Anderen… ich würde auch nicht gerne in einer Unterkunft leben, bei der ich mich schon durch einen Wegweiser degradiert fühlen würde.

Zum Thema Terrorismus: In so mancher Quelle heißt es „Terrorismus“ sei ein unscharfer Begriff, negativ konnotiert, und als solcher sollte er eigentlich keine Verwendung finden, da es immer verschiedene Sichtweisen gibt. So könnte ein in der Presse als Terrorist, für dessen Anhänger als Freiheitskämpfer beschrieben werden. Das Argument verstehe ich und könnte es gut mit dem Sekten-Begriff vergleichen. Auch hier findet man eine negative Konnotation im öffentlichen Diskurs (zusammenhängend erscheinendes Meinungsbild) vor und Anhänger einer solchen Weltanschauung würden sich selbst im seltensten Fall als Sektenmitglied bezeichnen.

So, das war die Theorie. Aber, wenn es darum geht Meinung zu machen und Stimmung zu erzeugen (hier sieht man mal wieder stark die Macht der Medien), muss man schließlich damit arbeiten was man hat. Und wir haben im öffentlichen Diskurs den Begriff des Terroristen, der gerade in letzter Zeit viel Verwendung findet. Die IS-Kämpfer, alles Terroristen, aber politisch und ideologisch motivierte Brandstifter, bei deren Anschlägen im schlimmsten Falle 25 Menschen hätten sterben können sind …Täter??

Nun stellt sich mir die Frage, was, neben Angst, Hass und gähnender Leere im Kopf eines solchen Terroristen vorgeht. Was will er bezwecken? Darüber mag ich nicht spekulieren, da ich vermute, dass es keinen tatsächlichen Sinn und Zweck dabei geben kann.

Nächste Frage: wie damit umgehen? Was tun? (Und ich bin mir im Klaren, dass das nur kleine Schritte sind, und „Die Politik, Ökonomie“ schneller und übergreifender etwas ausrichten könnten, wenn sie wollten, aber welcher Ökonom würde das schon wollen)
Außerdem: jedes Sandkorn kann das Getriebe zum Erlahmen bringen.

Vorschläge für Jedermann:
–> direkt intervenieren, wenn euer Gegenüber unreflektierten Unsinn redet
–> die Bildzeitung zur Seite legen und Slavoj Žižeks Der neue Klassenkampf lesen. Das Buch ist klein, hat nicht mal 100 Seiten, ist verständlich geschrieben und kostet nur 8 Euro.
–> eigene eventuelle Angst oder Vorurteile abbauen indem man selbst Kontakt zu Geflüchteten aufbaut
–> sich selbst nicht für Vorurteile hassen, sondern sie hinterfragen und reflektieren
–> Gegen depressive Anwandlungen: sich nicht Zuhause verkriechen und dem Weltschmerz frönen, sondern raus gehen, die Sonne genießen und erkennen, dass die Welt auch schöne Seiten hat

Am Sonntag findet um 14 Uhr auf dem Bürgermeister-Neff-Platz auch eine Demo/Kundgebung gegen Rechts? gegen Gewalt? gegen Brandstifter? …auf jeden Fall eine Veranstaltung/Mahnwache statt.

Der nächste Artikel wird von etwas Positiven handeln, sonst mutiert mein „Blog“ zu einer Troll-Seite. 🙂

eure Sinje

4 Kommentare

    • ich weiß nicht, was ich über dieses Geständnis denken soll. Aber mehr als spekulieren kann man ja nie :/
      Aber mein Grundgedanke passt trotzdem noch. Die Schuld und Verantwortung erst einmal weiter zu reichen („Autobahnkreut ist direkt um die Ecke, irgendwelche Rechte…“) find ich ätzend 🙂

  1. Dr. Rainer Silberbauer

    Diesen Artiekl kann ich voll und ganz unterschreiben. Ich selbst komme gebürtig aus Bingen und war erschüttert als ich von dem Brandanschlag hörte. Dererste Gedanke war: Das in Bingen? Man darf sich nicht damit abfinden, dass diese Anschläge überall sein könnten. Dieses Gedankengut hat sich mittlerweile überall in der Republik breit gemacht. Wir alle müssen nur verhindern, dass sich diese Säcke mit ihren kruden Gedanken und unausgelebten GEfühlen in der Mitte der Gesellschaft ausbreiten. Die müssen in ihrer rechten Ecke bleiben und dort von den Anderen aufgelöst werden. Ich selbst engagiere mich in einem Erstaufnahmelager hier in meiner Wohngegend in Wiesbaden. Auch dort sind schon Anschläge passiert ohne dass jemand zu Schaden gekommen ist. Meine Versuche hier im Kohlheck, das ja von der Geschichte Flüchtlingsort ist und von Flüchtlingen gegründet wurde, in einem Artikel auf diese Konnotation von heute und Vergangenheit hinzuweisen, ist einfach ignoriert worden. Das interessierte niemanden. Daher ist die Veröffentlichung von Meinungen gegen rechts im Netz unabdingbar. Man muss der rechten Propaganda etwas entgegen setzen. Sonst setzt sich so etwas in der Gesellschaft fest. Also Chapeau vor diesem Engagement!

    • vielen lieben Dank für diesen Kommentar! 🙂
      Ignoranz auf eine solch gute Idee kann nur Engstirnigkeit und Bequemlichkeit bedeuten 🙁

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